Klimagerechtigkeit und Klassenfrage

Redebeitrag Global Climate Strike 19.03.2021, Klima&Klasse

Die Klimakrise stellt eine Bedrohung für die gesamte Menschheit dar und bringt bereits heute, für Viele Leid und Elend. Doch, die Klimakrise ist keine Frage DER Menschheit. Die Klimakrise ist eine Klassenfrage – sie ist eine Frage von arm und reich – von Herrschaft, Macht und Ohnmacht. Weltweit leiden die an den Rand gedrängten Bevölkerungsteile besonders unter den ökologischen Krisen. Dabei bestimmen die gesellschaftliche Stellung und vor allem der Geldbeutel maßgeblich wie stark man diesen Risiken ausgesetzt ist. Gerade Menschen die bereits mit Ungleichheit, Ungerechtigkeit & Diskriminierung konfrontiert sind – POCs, Migrant*innen, Frauen, die ärmsten Teile der Arbeiter*innenschaft, – sind überproportional betroffen. Die für sich genommen schrecklichen sexistischen und rassistischen Diskriminierungserfahrungen wirken wiederrum verstärkend auf die Armut. Und die Armut verstärkt dann wiederum ebenfalls den abgewerteten Status. 

Das alles sind Klassenfragen: Fragen des Einkommens, des Bürger*innenstatus und der Stellung in der wirtschaftlichen Arbeitsteilung. Klasse – und verschiedene Diskriminierungsformen sind miteinander verwoben. Denn rassistische und geschlechtsspezifische Diskriminierungen ermöglichen es, dass etwa Frauen und Menschen mit dunklerer Hautfarbe weniger Geld für die gleich Arbeit bekommen. Das bedeutet: Gleiche Arbeit – weniger Lohn – mehr Profite.

Die Mechanismen von sozialer Ausgrenzung und Ideologien wie Rassismus, die die faktische Gleichwertigkeit der Menschen in Frage stellen, rechtfertigen dann wiederum krasse soziale Ungleichheiten, Ausbeutung, Plünderung und Kriege.

Verantwortlichkeiten:  Wer beutet wen aus?

Aber wer wird hier eigentlich von wem ausgebeutet? Wer profitiert, wer macht Gewinne? Wer ist verantwortlich? 

Wenn in Bangladesch eine Textilfabrik einstürzt, in der Menschen, unter den schlimmsten Bedingungen schuften – für einen Lohn der nicht zum Leben reicht. Sind wir dann nicht direkt verantwortlich, die ja auch T-Shirts bei H&M kaufen? 

Wenn in Indonesien, Menschen, Wald und Tiere für Palmölplantagen vertrieben werden – sind es nicht wir, die Palmölprodukte kaufen und damit für das Leid in anderen Teilen der Welt unmittelbar verantwortlich sind?

Nein – es sind nicht wir, nicht wir Schüler*innen und Azubis, nicht wir Student*innen, Werktätigen und Rentner*innen die diese Menschen und diese Länder ausbeuten. 

Nein, vielmehr sitzen wir, die bei steigenden Lebenskosten und niedrigen Löhnen beim Discounter einkaufen müssen – der Kassierer an der Aldi Kasse und die Plantagenarbeiterin in Indonesien in einem Boot.

Aldi beutet seine Angestellten hier aus, in dem niedrigste Löhne gezahlt werden. Das funktioniert bei diskriminierten und entrechteten Gruppen besonders gut. Zusätzlich setzte Aldi seine Zulieferer unter Druck um seine Profite zu maximieren und Aldis Zulieferer beuten wiederum in anderen Weltteilen die Menschen aus.  Auch ganz andere Unternehmen können niedrigere Löhne zahlen, weil die Discounterprodukte so günstig sind, und Hausarbeit angeblich auch keine “richtige” Arbeit wäre. 

Um überleben zu können müssen wir alle – ob im Norden oder Süden – unsere Arbeit verkaufen und gleichzeitig haben wir alle kaum Mitspracherecht und keinen Einfluss darauf was eigentlich, warum und zu welchem Bedingungen hergestellt wird.

Die Ausbeutung von Menschen und ihrer Arbeit, der rücksichtslose Raubbau an der Natur, und die nicht gezahlten Rechnungen ökologischer Schäden – all diese Dinge sind Profite für die Unternehmen und deren Eigentümer – für die Reichen und Mächtigen. 

Dabei ist das Leid, mit dem Menschen aus dem globalen Süden in Form von Umweltzerstörung, Krieg, extremer Armut und Vertreibung konfrontiert sind, nur schwer mit dem Leid von Armut und Perspektivlosigkeit hier in Deutschland vergleichbar. Aber  trotz aller Unterschiede, haben wir eine fundamentale Gemeinsamkeit – die den Kern einer internationalen Solidarität bildet.

Wir werden alle von einem gemeinsamen Gegenüber ausgebeutet – von Konzernen und Unternehmen für die nur Profit und Wachstum zählen. Dieselben Konzerne und Unternehmensnetzwerke die hier Löhne drücken – beuten die Menschen und die Natur im Süden aus. Derselbe Staat – der hier Klimaaktivist*innen verprügeln lässt – unterstützt mindestens indirekt in Bolivien oder Venezuela rechte antidemokratische Putschisten.

Für eine internationale Solidarität: Klimakampf heißt Klassenkampf

Doch was folgt daraus für uns, eine Klimabewegung – die radikal an die Ursachen der Probleme gehen will – und die international solidarisch handelt?

Wir dürfen uns nicht gegeneinander ausspielen lassen. Wir dürfen nicht zulassen – das man uns einredet – wir wären persönlich Schuld an dem Leid im globalen Süden und wir könnten durch unsere Konsumentscheidungen die Welt nachhaltig machen. 

Wir stehen in internationaler Solidarität Seite an Seite mit allen Unterdrückten dieser Erde

Und doch wissen wir – wir sprechen und handeln nicht für sie. Sie kämpfen ihre eigenen Kämpfe – wir die unsrigen – und wir versuchen uns gegenseitig zu unterstützen. Überall auf der Welt müssen sich die konkreten Kämpfe gegen ihre unmittelbaren Herrscher und Unterdrücker richten, gegen Großunternehmen, gegen neokoloniale Politik. 

Wenn beim sogenannten Lithiumputsch – Lithium, wichtigster Rohstoff für den individuellen E-Verkehr- ein linker demokratisch gewählter Präsident in Bolivien für Wirtschaftsinteressen weggeputscht wird – dann unterstützen wir die Menschen dort, wenn wir hier auf ihre Lage aufmerksam machen und gleichzeitig klagen wir die Verstrickung “unserer” Unternehmen und “unseres” Staates an.

Wenn wir hier für eine solidarische Verkehrswende kämpfen – die einen massiven Ausbau der Bahninfrastruktur fordert und die Elektroautos – als ökologisch völlig unzureichend kritisiert und entlarvt – dann kämpfen wir auch gegen neue koloniale und imperialistische Einmischungen.

Wir müssen hier dafür kämpfen, das unser Alltag nicht an ein System gekettet ist, das uns gar keine andere Wahl lässt als Produkte und Infrastrukturen zu nutzen, die Mensch und Natur ausbeuten. Wir sind alle jeden Tag zur Nicht-Nachhaltigkeit gezwungen.

Kämpfen wir gemeinsam und in internationaler Solidarität für die Rechte der am meisten Unterdrückten. Kämpfen wir gemeinsam für eine Demokratisierung der Wirtschaft und damit für eine die Möglichkeit einer nachhaltigen und solidarischen Gesellschaft.

Klimakampf heißt Klassenkampf! Und Klassenkampf heißt gleichzeitig einen Kampf gegen Rassismus, Sexismus und andere Diskriminierungsformen!

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