Das Schreckensszenario Erderwärmung über 2°C ist wahrscheinlich neue Realität

Ein Kommentar zum aktuellen IPCC-Bericht

Im August wurde der erste Teil des 6. IPCC-Berichts zur Entwicklung des Klimawandels für politische Entscheidungsträger*innen veröffentlicht. Darin zeigt sich: die ökologische Krise ist dramatischer als bisher von der herrschenden Klasse der Anschein erweckt wurde. Es bleibt nur ein kleines Zeitfenster, um die Krise noch einzugrenzen. Hoffnung gibt nur der gemeinsame Kampf der Klimabewegung und Arbeiter*innen.

Copyright: (c) Belspo / Nevens

Die Klimakrise hat bereits begonnen

Das IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change, deutsch: Weltklimarat) hat im Sommer diesen Jahres den ersten Teil seines 6. Berichts zur Entwicklung der globalen Erderwärmung veröffentlicht.1 Das in den 1980er Jahren gegründete Gremium ist unter anderem Teil des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. Die Naturwissenschaftler*innen des IPCC sollen den Klimawandel erforschen, um bevorstehende Risiken und mögliche Handlungskorridore aufzuzeigen. Die veröffentlichten Ergebnisse der letzten fünf Berichte haben bei der herrschenden Klasse aber bisher kaum ein Umsteuern bewirkt. Wirtschaftseliten und Politiker*innen mächtiger Staaten üben im Interesse des Kapitals immer wieder Druck auf das IPCC aus, damit die Dramatik der bevorstehenden ökologischen Krise, nun ja – weniger dramatisch erscheint.2 Hier zeigt sich mal wieder: für die herrschende Klasse muss am besten alles bleiben wie es ist. So ist zum Beispiel die Autoindustrie nicht wirklich an einer ökologisch nachhaltigen (und sozial gerechten) Mobilität interessiert – tatsächlich ist der Vorstoß Richtung E-Mobilität das Ergebnis eines Kampfes um Marktanteile zum Schutz der eigenen Investitionen. Neben abstrakten Allgemeinplätzen guter Absichten, die niemandem weh tun und ebenso wenig bewirken, werden zum Teil nur moderate Anpassungsmaßnahmen konkret gemacht. Dabei steuern wir in rasantem Tempo auf einen Abgrund zu, der nicht nur zu einer unwiderruflichen ökologischen Zerstörung der Ökosysteme, zu vermehrten Hungersnöten und (Trink-)Wasserknappheit sowie immer mehr Armut innerhalb der Arbeiter*innenklasse führt (insbesondere im Globalen Süden), sondern auch zwangsläufig gewaltsame Verteilungskämpfe nach sich ziehen wird. Um die Krise zumindest noch eingrenzen zu können, bedarf es einer ökosozialistischen Alternative zum weiter-so. Doch blicken wir zunächst auf die wichtigsten Punkte des aktuellen Berichts.

1,2,3 oder sogar 4°C?

Der Bericht macht erneut deutlich, dass der gegenwärtige Klimawandel menschengemacht ist. Verantwortlich ist vor allem die Art und Weise wie wir produzieren und konsumieren bzw. uns gezwungen sehen zu konsumieren. Dass die globalen Ökosysteme damit zwangsläufig immer wieder an Grenzen stoßen, hindert die herrschende Kapitalist*innenklasse, neben dem ein oder anderen grünen Mäntelchen, nicht daran weiter zu machen wie bisher – mit katastrophalen Folgen für die Erde.

Zunehmende Extremwetterereignisse, wie wir sie die letzten Jahre in Form von Waldbränden, extremen Hitze- und Trockenperioden oder Überflutungen beobachten konnten, ebenso wie das rasant voranschreitende Artensterben, das Gletscherschmelzen und die allmähliche Erschöpfung von ehemals fruchtbaren Böden verdeutlichen: wir befinden uns mitten in der Krise. Die neuen Erkenntnisse der Wissenschaftler*innen zeigen bei genauerer Betrachtung, dass das Ziel, wie es im Pariser Klimaabkommen formuliert wurde, die Erderwärmung auf 1,5°C (bzw. 2°C) zu begrenzen, kaum noch eingehalten werden kann. Sollte der Ausstoß von Treibhausgasen nicht sofort drastisch sinken, könnten wir bereits 2030 mit einer Erwärmung von mindestens 1,5°C rechnen. Es scheint, als wäre die ökologische Krise zu weit fortgeschritten und die Maßnahmen, die die Staaten gegenwärtig bereit sind zu ergreifen zu gering, um dieses Szenario noch abwenden zu können. Deutlich realistischer ist eine Erwärmung auf 3 bzw. 4°C im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. Dabei handelt es sich aber nicht einfach um ein paar Grad mehr, denn jedes Grad löst teilweise noch unvorhersehbaren Dominoeffekte aus. Es verlängert und verstärkt etwa Dürre- und Regen- bzw. Eisperioden3, was sich wiederum negativ auf die Nahrungsmittelproduktion auswirken und Hungersnöte hervorrufen kann, woraus wiederum Migrationswellen folgen können, durch die der Druck auf die kleiner werdenden landwirtschaftlich tauglichen Flächen steigt, usw. Während an einigen Orten Temperaturen, die im Sommer gut 40°C erreichen können, zur Normalität werden, zerstören Überflutungen und starke Stürme in anderen Regionen der Erde die Lebensgrundlage von Millionen von Menschen. Bereits bei einer Erderwärmung von 1,5°C besteht eine hohe Gefahr, dass etwa 11 % der Landfläche dauerhaft überschwemmt wird. Bei (deutlich realistischeren) 2°C sind es bereits 21 %.

Der Bericht zeigt auch: viele Veränderungen, die auf vergangene und gegenwärtige Treibhausgasemissionen zurückgehen, sind für Jahrhunderte bis Jahrtausende nicht mehr rückgängig zu machen. Zudem wird klar, dass alle Regionen dieser Erde von den bevorstehenden Veränderungen betroffen sind. Um die Klimaerwärmung zumindest begrenzen zu können, muss der CO2-Ausstoß, ebenso wie der Ausstoß anderer Treibhausgase, drastisch gesenkt werden. Nicht nur scheiterte die politische Regulierung des Kapitalismus trotz jahrzehntelanger Anstrengungen bislang faktisch daran, das Wirtschaftswachstum von Umweltzerstörung, CO2-Emissionen und Ressourcenverbrauch zu entkoppeln. Das Problem ist dabei, dass der notwendige Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft, viel schneller und umfangreicher von statten gehen muss, als dass grüne Reformen und Marktlösungen uns ansatzweise vor der Katastrophe bewahren könnten – zumal sie darüber hinaus in aller Regel sozial äußerst ungerecht sind.

Augenwischerei auf Kosten von Mensch und Natur

Mindestens ebenso schlimm wie die Erkenntnisse des IPCC ist also der Fakt, dass die politischen Schlussfolgerungen auf Druck des Kapitals und der politischen Eliten immer wieder geschönt und damit die Effekte des Klimawandels kleingeredet wurden. Von einer Gruppe, die sich Scientist Rebellion (deutsch: Rebellion der Wissenschaftler*innen) nennt, wurde deshalb nun der dritte, bisher noch unveröffentlichte und unverfälschte Teil des aktuellen IPCC-Berichts geleaked.4 Dieser Teil widmet sich üblicherweise den politischen Handlungsoptionen, die aus den Erkenntnissen der ersten beiden Teile hervorgehen. Zwar ist auch diese Version des IPCC nicht gleichzusetzen mit einer ökosozialistischen Klassenpolitik,5 dennoch kommen darin selbst tendenziell politisch neutrale Wissenschaftler*innen zu dem Schluss, dass es prinzipiell eines grundlegenden Wandels bedarf. Würde man die darin formulierten Erkenntnisse und Forderungen wirklich ernst nehmen, hieße das unter anderem eine Abkehr vom ökonomischen Wachstumszwang, einen sofortigen Umstieg auf erneuerbare Energien sowie ein drastisches Umlenken in der bestehenden Beschäftigungs- und Wirtschaftsstruktur. Statt individuelles Handeln, wie es häufig in konsumkritischen Ansätzen überhöht wird, müsste jedoch kollektiver gedacht werden als es auch die Wissenschaftler*innen des IPCC tun.

In dem Bericht wird betont, dass es vor allem arme Länder sind, die besonders hart vom Klimawandel getroffen werden. Diese Ungleichheit zeigt sich auch in dem Zusammenhang von Einkommensverteilung und ökologischem Fußabdruck der Weltbevölkerung:

„Die reichsten 10% der Weltbevölkerung sind für 36 bis 45% der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich, während die ärmsten 10 % der Welt etwa 3 bis 5 % beitragen.“

Wird nicht sofort umfassend gehandelt, werden sich die ökonomischen und gesellschaftlichen Herausforderungen weiter zuspitzen. Deshalb dürfen wir uns von der Augenwischerei der herrschenden Klasse nicht blenden lassen. Stattdessen fordern wir eine umfassende sozial-ökologische Transformation.

Retten, was zu retten geht

Der Kapitalismus und seine Eigenschaft Mensch und Natur bis zur Erschöpfung auszubeuten, verschließt die Augen vor seiner eigenen Zerstörungswut. Für die herrschende Klasse geht es vor allem um eins – Profitmaximierung. Wir können uns ebenso wenig auf die Sonntagsreden der etablierten Politik wie auf Appelle an die vermeintliche Vernunft des Staates noch auf den Reformwillen der Unternehmen verlassen. Wir müssen unser Schicksal in die eigenen Hände nehmen und eine Zukunft gegen die kapitalistische Elite erkämpfen. Um die Notbremse noch ziehen zu können, muss es einen grundlegenden Systemwandel geben, der nur im gemeinsamen Kampf von Klimabewegung und Arbeiter*innen gegen Profitstreben und Wachstumszwang erreicht werden kann. Nur eine solche Allianz ist in der Lage, die Voraussetzungen zur Abwendung der globalen Menschheitskrise aufzubauen: eine neue Wirtschaftsweise, die darauf zielt, die Lebensbedingungen der Mehrheit der Menschen unter ökologischen Gesichtspunkten zu verbessern, indem sie weitestgehend zum Erhalt der noch funktionierenden Ökosysteme sowie der natürlichen Lebensräume und -grundlagen beiträgt. Dies darf nicht ohne oder sogar gegen die Interessen der Arbeiter*innenklasse passieren, sondern muss mit ihr zusammen verwirklicht werden, da eine autoritär durchgesetzte ökologische Politik in ihr Gegenteil umschlagen wird. Wichtiger als die Kritik an Lebensstilen ist dabei die Frage nach denjenigen, die diese ermöglichen und davon profitieren. Die beherrschten Klassen besitzen derzeit keine Macht darüber, wie der Stoffwechsel mit der Natur organisiert wird. Das bedeutet auch, dass wir für eine bedürfnisorientierte und damit gegen eine profitgetriebene Produktion, für nachhaltige und gut bezahlte Arbeitsplätze sowie für umfassende Sofortmaßnahmen für den Klimaschutz kämpfen müssen – im Interesse der Natur und der Arbeiter*innen weltweit. Strategien der Priorisierung entweder des Kampfes gegen die Ausbeutung der Natur oder der Arbeiter*innenklasse werden von beiden Seiten erfolglos bleiben. Stattdessen braucht es einen Wandel der Eigentumsverhältnisse, eine internationale Organisierung der Arbeiter*innenklasse und den Schulterschluss zwischen Klima- und Arbeiter*innenbewegung. Nur so können wir der Klimakatastrophe noch begegnen.

1 https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg1/#SPM

2 https://docs.wixstatic.com/ugd/148cb0_a0d7c18a1bf64e698a9c8c8f18a42889.pdf

3 https://www.ipcc.ch/2021/08/09/ar6-wg1-20210809-pr/

4 https://scientistrebellion.com/we-leaked-the-upcoming-ipcc-report/

5 Für eine ausführliche ökosozialistische Diskussion des Reports siehe: https://philosophenstuebchen.wordpress.com/2021/09/01/der-geleakte-ipcc-bericht/

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